MOBILANZ aktuell: Förderung eines nachhaltigen Urlaubsreise-Verhaltens

Im Zentrum der Untersuchung stehen die aus dem individuellen Verhalten resultierenden Umweltwirkungen des Urlaubsreiseverkehrs. Auf der Grundlage der Verhaltensmuster werden vier Gruppen gebildet, die sich hinsichtlich der Klimarelevanz ihres Verkehrsverhaltens deutlich unterschieden. Eine besondere Rolle spielt die Nutzung des Flugzeugs als Reisemittel und als Ansatzpunkt für Strategien für eine nachhaligere Urlaubsgestaltung.

Förderung eines nachhaltigen Urlaubsreise-Verhaltens

Online-exklusiv (http://www.sozial-oekologische-forschung.org/de/838.php): Deutsche Kurzfassung zum Artikel: Böhler, S., Grischkat, S., Haustein, S. & Hunecke, M. (in press). Encouraging environmentally sustainable holiday travel. Transportation Research, Part A: Policy and Practice.

Einleitung und Methode

In der Studie werden personenorientierte Handlungsansätze zur Förderung eines nachhaltigen Urlaubsverkehrs zur Diskussion gestellt. Im Zentrum stehen hierbei die aus dem individuellen Verhalten resultierenden Umweltwirkungen des Urlaubsreiseverkehrs. Auf der Grundlage der im Urlaubsreiseverkehr gezeigten Verhaltensmuster werden Reisendengruppen gebildet, die sich hinsichtlich ihrer soziodemographischen und psychologischen Merkmale charkterisieren lassen. Die Langstreckenreisenden verursachen dabei den größten Anteil an den gesamten klimarelevanten Emissionen, obgleich diese Reisegruppe nur vergleichsweise wenig Personen umfasst. Die Wahl des Verkehrsmittels ist dabei eng mit der Wahl des Urlaubsziels verbunden.
Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer standardisierten Befragung von 1991 Bewohnern deutscher Großstädte im Jahr 2003 und auf 84 im Jahr 2004 durchgeführten vertiefenden Interviews mit repräsentativen Teilnehmer/innen der ersten Befragung. Die individuellen, verkehrlichen Umweltwirkungen konnten über eine ausführliche Erfassung der Alltagsmobilität und der Urlaubsreisen für das Jahr 2003 bilanziert werden.


Beschreibung der Reisendengruppen

Die Bildung der Reisendengruppen erfolgte auf der Grundlage des von den Teilnehmer/innen der Umfrage berichteten Urlaubsreiseverhaltens über die Angaben zur Reisehäufigkeit und den dafür zurückgelegten Distanzen. Dazu wurden zunächst drei Häufigkeitskategorien (keine Reise, 1 bis 2 Reisen, 3 und mehr Reisen) und drei Entfernungskategorien (<600 km, 600 to 3000 km, >3000 km) auf der Grundlage der längsten Reise im Jahr 2003 definiert. Unter Ausklammerung von Kurzurlauben lassen sich vier Reisendengruppen bilden.
Die erste Gruppe umfasst die Nichtreisenden, die keine Urlaubsreise im 2003 unternommen haben. Die zweite Gruppe sind die Nahreisenden, die mindestens einmal in einer Entfernung von bis zu 600 km, also innerhalb Deutschlands reisten oder in die direkten Anrainerstaaten. Die dritte Reisendengruppe reiste mindestens einmal in einem Entferungsbereich zwischen 600 und 3000 km. In diesem Radius liegen für die Mitteldistanzreisenden die wichtigen Reiseziele des Mittelmeerraumes. Die vierte und kleinste Gruppe umfasst die Personen, die mindestens einmal im Jahr eine Langstreckenreise (über 3000 km) unternommen haben. Diese Gruppe wird als Langstreckenreisende bezeichnet.


Reisendengruppen auf der Basis der gereisten Kilometer (ohne Kurzurlaube)

 Reisendengruppen  Kilometerkategorien     N    %
 Nichtreisende  0    491   24,7
 Nahreisende  1 bis 600      523   26,4
 Mitteldistanzreisende  601 bis 3000      757   38,2
 Langstreckenreisende   > 3000      213   10,7
   Summe  1984  100,0


Umweltbilanzierung der Reisendengruppen


Der Langstreckenreisende reist sowohl am häufigsten und ebenso nutzt er die energieintensivsten Verkehrsmittel wie den privaten Pkw und das Flugzeug. Dies wirkt sich auf die Bilanzierung der Umweltwirkungen, genauer der Treibhausgasemissionen, aus. Die Abbildung 1 zeigt die berechneten Emissionen der Nahreisenden, der Mitteldistanzreisenden und der Langstreckenreisenden hinsichtlich der genutzten Verkehrsmittelwahl. Die meisten Emissionen werden dabei durch Flugreisen erzeugt. Wegen der hohen Distanzen tragen bereits wenige Reisen überproportional zu hohen Gesamtemissionen bei. Der Anteil der Emissionen des privaten Pkw ist zwischen den Gruppen ähnlich, jedoch emittieren die Mitteldistanzreisenden mit dem Pkw mehr Treibhausgase als die Langstreckenreisenden. Die Nahreisenden verursachen die wenigsten Treibhausgase. Abbildung 1 macht ebenfalls den geringen Beitrag des öffentlichen Verkehrs an den Treibhausgasemissionen deutlich. Der Grund hierfür ist zum einen in der geringen Nutzung von Fernzügen und Reisebussen für Urlaubsreisen zu sehen und zum anderen in der insgesamt höheren Auslastungsrate dieser Verkehrsmittel. Ebenfalls werden der Fernzug oder der Reisebus für wesentlich kürzere Reisedistanzen im Vergleich zum Flugzeug genutzt.
Die Langstreckenreisenden erweisen sich als die Gruppe mit dem höchsten Reduktionspotenzial für Urlaubsreisen. Diese kleinste Gruppe von Reisenden ist (10,7% der Stichprobe) damit für mehr als 80% der gesamten Treibhausgasemissionen im Urlaubsreiseverkehr verantwortlich.

Abbildung 1: CO2-Äquivalent für die Urlaubsmobilität der Reisendengruppen nach Verkehrsmitteln

Bei einer zusammenfassenden Betrachtung der Verkehrsmittelwahl für alle zurückgelegten Wege im Alltag und Urlaub zeigt gleichfalls die hohe Bedeutung des privaten PKWs an den Treibhausgasemissionen (vgl. Abb. 2). Ausschließlich bei den Langstreckenreisenden sind die durch Flugreisen verursachten Emissionen höher als durch Reisen mit dem PKW. Der Beitrag des öffentlichen Verkehrs ist in allen Gruppen zu vernachlässigen.

Abbildung 2: CO2-Äquivalent für die Reisendengruppen nach Verkehrsmitteln (alle Zwecke).


Strategien und Hemmnisse zur Reduzierung der Umweltwirkungen von Urlaubsreisen

Nehmen wir an, dass Urlaubsreisen und damit auch der Urlaubsverkehr ein Kennzeichen moderner und wohlhabender Gesellschaften bleiben wird, müssen sich Stategien für eine Beeinflussung des Urlaubsreiseverhalten  in Bezug auf eine Veringerung der Umweltwirkungen sowohl an die Zielwahl und somit die Reduzierung der für die Urlaubsreise zurückgelegten Kilometer, als auch an eine Veränderung der Verkehrsmittelwahl richten. Als Strategien hierzu könnten die Entwicklung von europäischen Reisezielen als Alternative zu den Fernreisen, eine Verbesserung der Infrastruktur im Zugfernverkehr und die Optimierung von sogenannten Soft-Policies in Form von Informationen über Reisealternativen und die ökologischen Auswirkungen des Urlaubsreiseverkehrs dienen. Neben Maßnahmen im Flugverkehr, die vor allem auf eine Verringerung der global wirksamen Treibhausgase abzielen, dürfen auch lokale Emissionen wie Partikel und Verkehrslärm nicht aus dem Blick geraten, die aus der Nutzung des PKWs vor Ort resultieren. Ist der private PKW nämlich erst einmal am Urlaubsort verfügbar, wird er auch dort in zum Teil ökologisch besonders sensiblen Regionen, genutzt.


Maßnahmen der Politik und im Marketing

Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen im Flugverkehr werden intensiv seitens der Politik diskutiert. Die EU-Kommission beispielsweise schlägt vor den Flugverkehr in das Kyoto-Regime nach dem Jahr 2012 aufzunehmen. Darüberhinaus sollen rechtliche Hemmnisse zur Einführung einer Kerosinsteuer abgebaut werden.
Modellrechnungen zu den ökonomischen Effekten dieser Maßnahmen zeigen, dass die Preise für Flugtickets nur leicht ansteigen werden und somit das prognostizierte starke Wachstum im Flugverkehr nur wenig gedämpft würde. Dieser Preisanstieg könnte von den Gruppen der Mitteldistanzreisenden und den Langstreckenreisenden am ehesten kompensiert werden, weil diese über die besten finanziellen Möglichkeiten verfügen. Die beiden Gruppen der Nah- und Nichtreisenden würden von steigenden Flugpreisen dagegen deutlich härter getroffen werden.
Gleichwohl gibt es einen sichtbaren Trend zu nachhaltigeren Urlaubsformen; so haben zahlreiche Urlaubsorte Marketingstrategien für einen autofreien bzw. autoreduzierten Urlaub entwickelt. Eine Tochter der Deutschen Bahn hat ein Reiseprogramm entwickelt, das auf Bahnreisende zugeschnitten ist und ein Blick in die Tourismusbranche macht deutlich, dass Fahrradurlaube sich einer wachsenden Beliebtheit erfreuen. Falls das Interesse für einen nachhaltigeren Tourismus gesteigert werden soll, muss dieses durch eine geeignete Verkehrs-Infrastruktur und begleitende Mobilitätsservices unterstützt werden. Insgesamt kommt Urlaubsreisen in den westlichen Industriestaaten eine hohe individuelle und soziale Bedeutung zu, weshalb Verhaltensänderungen in diesem Bereich nur mit einem sehr sensiblen Vorgehen möglich erscheinen. Als wichtigste Strategie zur Überwindung von Verhaltensbarrieren ist dabei vor allem eine zielgruppenspezifische Gestaltung und Kommunikation von nachhaltigen Urlaubsangeboten anzustreben.

Kontakt

  • Dr. Marcel Hunecke

    • Ruhr-Universität Bochum; Lehrstuhl für Kognitions- und Umweltpsychologie
    • Universitätstr. 150
    • 44780 Bochum
    • Telefonnummer: Tel.: +49 (0)234-32-23030
    • Faxnummer: Fax: +49 (0)234-32-14308
    • E-Mail-Adresse: