Übergewicht und Adipositas bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen als systemisches Risiko

Übergewicht und Adipositas werden in diesem Projekt exemplarisch als ein systemisch wirkendes, verhaltensinduziertes Risiko verstanden. Ziel ist es, ein umfassenderes Problemverständnis zu erreichen und wirksame Handlungsoptionen zur Prävention zu entwickeln. Dazu werden die Wechselwirkungen zwischen individuellen, sozialen und ökologischen Faktoren durch eine theoretisch-empirische Modellierung der verhaltensinduzierten Risiken erforscht. Das bestehende Wissen wird dabei durch Fokusgruppen, Befragungen und physiologische Analysen ergänzt.

Die Problemstellung

Die jüngsten Verlautbarungen aus Politik und Gesundheitswesen lassen aufhorchen: Seit Jahren kann in den westlichen Industriegesellschaften eine massive Zunahme von Personen mit Übergewicht und Adipositas festgestellt werden. Einer aktuellen Veröffentlichung der WHO zufolge, hat sich der Anteil fettleibiger Menschen in Europa seit den 80er Jahren verdreifacht (1) und mittlerweile ein "epidemieartiges Ausmaß" angenommen. (2) Von dieser Entwicklung ist auch Deutschland betroffen: Das Statistische Bundesamt errechnete auf der Grundlage des Mikrozensus für das Jahr 2003 unter der volljährigen Wohnbevölkerung Anteile von 2% unter-, 48% normal-, 36% übergewichtigen und 13% adipösen Personen, wobei Männer mit 44% Übergewichtigen und 14% Adipösen schlechter abschneiden als Frauen (29% bzw. 12%). (3) Als besonders besorgniserregend gilt die Entwicklung bei der nachwachsenden Generation. Der WHO zufolge rangiert der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland, gemessen an anderen europäischen Ländern zwar im unteren Viertel, weist aber eine steigende Tendenz auf. (4)

Zur Einordnung von Gewichtsklassen wird der so genannte Body-Mass-Index [BMI] herangezogen, bei dem das Körpergewicht durch das Quadrat der Körpergröße dividiert wird. Bei einem BMI größer als 25 wird von Übergewicht gesprochen, (5) ab 30 von Adipositas, die in weitere Kategorien - ab BMI 35 Adipositas Grad II und ab BMI 40 Grad III - unterteilt wird. Bei Kindern und Jugendlichen wird mit Perzentilen des BMI operiert. (6) Nach den Zahlen des Ernährungsberichtes der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aus dem Jahr 2000 sind 11% der 6 bis17jährigen Jungen und Mädchen in Deutschland übergewichtig. Weitere 9% der Jungen und 7% der Mädchen gelten als adipös.

Hinter den genannten Grenzen verbergen sich allerdings keine natürlichen Schwellen - wie etwa zwischen gesund und krank (7) - sondern willkürliche Festlegungen, in denen auch institutionelle Interessen zum Ausdruck kommen. (8) In Übergewicht, Adipositas und den damit verbundenen Begleiterkrankungen - v.a. Diabetes Typ II, Bluthochdruck, Gefäß- und Herzerkrankungen, Erkrankungen des Geh- und Halteapparates, Erkrankungen des Verdauungs- und Stoffwechselsystems, psychische Erkrankungen - werden enorme Kosten für das Gesundheitssystem gesehen. Sie wurden von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie für das Jahr 2005 auf etwas mehr als eine Milliarde Euro beziffert.(9) Wechselt man die Perspektive von den Sozial- und Gesundheitssystemen zu den Vermarktungsinteressen des Wirtschaftssystems, dann können sowohl in der Entstehung von Fettleibigkeit als auch in ihrer Therapie und der Behandlung von Begleiterkrankungen lukrative Wachstumsmärkte erkannt werden. An die Nahrungsmittelindustrie, die energiehaltige Speisen und Getränke jederzeit und allerorts verfügbar gemacht hat, ist dabei ebenso zu denken wie an die Werbewirtschaft, an Ärzte und Psychotherapeuten. Eine ganze Industriesparte, die sich um Fitness-, Ernährungs- und Diätangebote dreht, zieht zunehmend Nutzen aus dem Phänomen der Fettleibigkeit. Mittlerweile haben auch die Bekleidungsindustrie und die Reisebranche in dicken Personen einen lukrativen Nischenmarkt entdeckt. (10) Schließlich dürfen Forschungsinstitute, Parteien und Interessenverbände, die sich des Themas annehmen, darauf hoffen, an den zur Problembearbeitung bereitgestellten Ressourcen zu partizipieren. Dementsprechend gibt es divergierende Motive, um das Problem zu dramatisieren (11) oder herunterzuspielen,  (12) bzw. die geltenden Normen zu lockern oder zu verschärfen.(13)

Adipositas als systemisches Risiko

Risiko ist ein Konzept, das eingeführt wurde, um drohende Schäden kalkulierbar, vergleichbar und handhabbar zu machen. Zum rationalen Umgang mit Risiken gehört auch, drohende Schäden mit Nutzenpotentialen zu bilanzieren und dabei unterschiedlichste Standpunkte zu berücksichtigen. Inwieweit diese Konsequenzen positiv oder negativ beurteilt werden, ist eine Frage des Standorts und der subjektiven Bewertung. Aus diesem Grund haben eine Reihe von Ökonomen und Soziologen vorgeschlagen, Risiken neutral als Möglichkeit von ungewissen Folgen eines Ereignisses oder einer Handlung zu definieren, ohne darauf Bezug zu nehmen, ob die Konsequenzen positiv oder negativ zu beurteilen sind. Risiko gestattet einen privilegierten Zugriff auf die skizzierten, vielfältigen Folgen von Adipositas und die differenzierte Analyse dieser komplexen, teilweise auch paradox anmutenden Nutzen- und Schadensaspekte.

Wenn es zutrifft, dass schon heute die indirekten Auswirkungen der Adipositas, wie etwa Frühberentung, krankheitsbedingte Produktivitätsausfälle und der Verlust von Lebensjahren rund die Hälfte der Folgekosten ausmachen, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass Adipositas als ein systemisches Risiko betrachtet werden sollte, dessen Vielfalt an möglichen Folgen weit über den Horizont von Medizin und Gesundheitswesen hinausreichen: Über die individuelle Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens hinaus, kann Fettleibigkeit wirtschaftliche, soziale, ökologische und politische Risiken nach sich ziehen, die von der OECD als "systemische" Risiken bezeichnet werden.(14) Unter systemischen Risiken sind solche Risiken zu verstehen, die von möglichen Beeinträchtigungen der physischen Gesundheit oder der Umwelt ausgehen und dann in andere Bereiche hineinwirken, wobei ihre Wirkung oft verstärkt wird.(15)

Aber nicht nur auf der Seite der Auswirkungen empfiehlt es sich, das Adipositasrisiko einer systemischen Analyse zu unterziehen. Das Zustandekommen von Übergewicht und Adipositas stellt ein nicht minder facettenreiches Geschehen dar, dessen Erforschung gleichfalls ein Zusammenwirken verschiedener Wissenschaftsdisziplinen erfordert.

Die Ursachen von Adipositas

Die Entstehung von Übergewicht und Adipositas vollzieht sich vor dem Hintergrund verschiedener, ineinander greifender Faktoren:

  • Der Einfluss genetischer Dispositionen auf die Entstehung von Übergewicht und Adipositas gilt zwar unter Fachleuten als unbestritten, welche Gene hierfür eine Rolle spielen, ist jedoch noch weitgehend unklar.(16)Außerdem lässt der starke Anstieg der Adipositasprävalenz in den westlichen Industrienationen nur auf einen geringen genetischen Einfluss schließen, da "bevölkerungsweite genetische Veränderungen nicht in so kurzer Zeit stattfinden".(17) Aus diesen Gründen finden genetische Aspekte keinen Niederschlag in unserem Projekt.
  • Einen zweiten Faktor stellen individuelle, etwa psychische, geschlechts- und lebensstilspezifische Präferenzen, Emotionen, Werte und Zielvorstellungen, einschließlich der Selbst- und Körperwahrnehmung, ernährungs- und freizeitbezogenen Intentionen (Ernährungs- und Bewegungsstile) und darauf aufbauende Kontrollüberzeugungen dar. Einige dieser Merkmale, etwa Geschmacksdispositionen, Lebensmittelpräferenzen, aber auch der Umgang mit dem eigenen Körper, werden früh im Leben erworben, weswegen es Sinn macht, Adipositas und seine Vorstufe 'Übergewicht' gemeinsam zu untersuchen.
  • Auf der Mesoebene gilt es, die sozio-ökonomischen Bedingungen für individuelles Ernährungsverhalten zu untersuchen. In bisherigen Studien hat sich immer wieder der sozio-ökonomische Status des Elternhauses als einer der zentralen Faktoren für das Entstehen (oder Ausbleiben) von Übergewicht und Adipositas herausgestellt. Ernährungsbezogenes Interesse und Wissen, aber auch die verfügbaren Mittel, stellen wesentliche Anreize oder Barrieren für Entscheidungen und das empirische Ernährungsverhalten dar. Aber auch die Gestaltung des individuellen und familiären Freizeitverhaltens könnte von der sozio-ökonomischen Lage der Privathaushalte abhängen, beispielsweise die Frage nach kostspieligen Mitgliedschaften in Sportvereinen und Fitnessstudios. Nicht minder relevant scheint die Wohnqualität zu sein und vor allem die Beschaffenheit des näheren Wohnumfeldes von Kindern und Jugendlichen: Regt die Qualität des Wohnumfeldes und seine Infrastruktur - etwa (Abenteuer-)Spielplätze, Wiesen und Wälder - zum Bewegungsspiel im Freien an oder legt es eher ein passives Spielverhalten im Innenraum nahe? Auch ein sozial problematisches Umfeld, wie zum Beispiel die Wahrnehmung hoher Kriminalitätsbelastung könnte Kinder und Jugendliche von Outdoor-Aktivitäten abhalten. Im Rahmen des Projektes wird dieser Frage mit einem stadtökologischen Ansatz nachgegangen. Nicht zuletzt dürfte es an der bislang viel zu oberflächlichen Betrachtung von sozio-ökonomischen Variablen liegen, dass bisherige Ansätze zur Ernährungserziehung und Adipositasprävention weitgehend gescheitert sind. Bis zum heutigen Tage ist es offensichtlich nicht geglückt, mit Werbe- oder Informationskampagnen die besonders betroffenen, unterprivilegierten Schichten zu erreichen.  
  • Gleichfalls auf der Mesoebene rangieren die sozio-kulturellen Faktoren, welche für die Adipositasentstehung nicht minder wichtig sind: Welchen Normen und Werten verleiht eine Gesellschaft Ausdruck? Was gilt als 'angesagt', 'trendy', 'attraktiv' und prestigebehaftet? Welche Geschlechterstereotypen herrschen vor, und welche Wirkungen zeigen sie auf das Ernährungsverhalten? In welche sozialen und kulturellen Kontexte sind Kinder und Jugendliche eingebettet, und wie werden Ernährungs- und Bewegungsverhalten darin 'gerahmt'? Das Thema 'Ernährung' ist hochgradig symbolisch behaftet und ein ökonomisch lukratives, heiß umkämpftes Feld, weswegen es von der Werbebranche als 'Lifestyle' aufgepeppt und an spezifische Zielgruppen adressiert wird. An den Symbolen der Werbebotschaften, ihren Stories und Bildern wird der kulturelle Wandel der vergangenen Dekaden ablesbar, in dessen Verlauf es offenbar zu einer Vergesellschaftung und Individualisierung der Ernährung gekommen ist. Wenn der Schein nicht trügt, wird die individuell zubereitete und gemeinsam eingenommene Mahlzeit zunehmend durch Essen in Kantinen, Fast-Food-Restaurants, durch Convenience-Food oder aus bereitgestellten Automaten ersetzt. Wir versuchen zu klären, ob und in wieweit hierdurch die Verantwortung für eine angemessene Ernährung 'zerstreut' wird.
    Schließlich scheinen für die vorliegende Fragestellung auch gesellschaftliche Geschlechter-, Körper-, Leistungs- und Gewichtsnormen bedeutsam zu werden - und die Frustrationen, teilweise auch die erfahrenen Ausgrenzungen, wenn man diesen Ansprüchen nicht genügt. Die Fragen, die es zu klären gilt, sind, wie sich Kinder und Jugendliche unter diesen Vorgaben gesellen, wie sie mit Lust und Frustrationen umgehen, wie sie Abweichungen und Sanktionen bewältigen. Wegen ihrer offensichtlichen Wichtigkeit für die Adipositasgenese, werden der Lebensstilforschung und dem Konzept "Identität" besondere Priorität eingeräumt. Letztere fungiert gleichsam als Scharnier zwischen Lebensstilen, individuellen Handlungsstrategien und ihrer Einbettung in den umgebenden strukturellen Kontext.
  • Auf der Makroebene wird sich das Projekt mit verschiedenen Aspekten auseinandersetzen: Theoretisch gilt es, die modernisierungstheoretischen Grundlagen für den beschriebenen kulturellen Umbruch und gesellschaftlichen Strukturwandel aufzuarbeiten, damit jene normative Gemengelage verstehbar wird, in welche Körperbilder, Leistungs- und Gewichtsnormen, aber auch neue Formen von vergesellschafteter und individualisierter Nahrungsaufnahme eingebettet sind. Empirisch geht es zum einen um die Erforschung der epidemiologischen Grundlagen für Ernährungsverhalten, Übergewicht und Adipositas aus der Makroperspektive. Zum anderen werden die ökonomischen Folgen der Adipositas untersucht, und zwar im Hinblick auf potentielle Nachteile für risikoproduzierende Unternehmen auf den Kapitalmärkten. Beim Rating von Unternehmen könnte es Abschläge geben, wenn bestimmte Zertifizierungen - Sozialverträglichkeit, Umweltverträglichkeit - nicht erreicht werden, oder mit Restriktionen von Seiten der Politik bei bestimmten Produktgruppen gerechnet werden muß (wie jüngst im Falle der 'Alcopops' geschehen). Ob und in welcher Weise daraus für die Unternehmen Anreize zu verantwortlichem Handeln entstehen, gilt es zu klären. Eine dritte Fragestellung, die auf der makroskopischen Ebene verfolgt wird, ist die nach der Regulierung von Nahrung und Nahrungsmittelsicherheit, aber auch nach den Chancen und Barrieren der Umsetzbarkeit bestimmter Handlungsoptionen im Fall Adipositas durch nationales und europäisches Recht.

Die Zielsetzungen

Adipositas, das sollte diese Problemskizze verdeutlichen, ist ein außerordentlich vielschichtiges Problemfeld. Sowohl bei ihrer Entstehung als auch hinsichtlich ihrer Folgen greifen individuelle Orientierungen und teilweise stark habitualisierte Verhaltensmuster, sozio-ökonomische und -kulturelle Rahmenbedingungen ineinander. Das ganze Geschehen spielt sich vor dem Hintergrund eines strukturellen und kulturellen Wandels ab, der die gesamte Gesellschaft umfasst. Wahrscheinlich liegt es daran, dass alle bisherigen Versuche, eine Wende der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten herbeizuführen, gescheitert sind. Eine aktuelle Übersicht von Müller et al. kommt zu dem Schluss: "die bisher durchgeführten Therapie- und Präventionsmaßnahmen sind ... nicht geeignet, das Adipositasproblem zu lösen... Die Ergebnisse ... zeigen, dass Adipositas mit den aus diesen Arbeiten gewonnenen Kenntnissen nicht grundsätzlich zu vermeiden oder zu behandeln ist".(18) Für Angelika Meier-Plöger bleibt ein "Gefühl von Ratlosigkeit" weil "die bisherigen Bemühungen, die Ernährungsempfehlungen der Wissenschaft in die Praxis umzusetzen ... für alle unbefriedigend"(19) erscheinen. Die Autorin geht aber noch einen Schritt weiter, wenn sie fragt: "Macht es Sinn, Ziele zu definieren, ohne explizit gesellschaftliche Bedingungen einzubeziehen?" (20) Wir vermuten "nein". Wenn überhaupt, dann lassen sich solch komplexe Phänomene wie Bewegungs- und Ernährungsverhalten, Übergewicht und Adipositas nur durch die Integration von drei Ebenen, der Akteurs-, der institutionellen und der Makroebene in einem umfassenden Sinn verstehen. Dies freilich macht eine interdisziplinäre, integrierte Erforschung unverzichtbar.

Mit dieser Studie werden im Wesentlichen drei Ziele verfolgt:

  1. Die Zusammenhänge zwischen individuellen Orientierungen und Verhalten auf der einen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf der anderen Seite sollen interdisziplinär erforscht und zu einem integrativen Modell adipöser Lebensstile zusammengefügt werden.  
  2. Die Folgen von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sollen über gesundheitliche Belastungen hinaus bestimmt und in ihren jeweiligen Wechselwirkungen analysiert werden. Dabei gilt es, Ausstrahlungseffekte auf andere Systeme, wie etwa Ökonomie oder Ökologie, zu berücksichtigen.
  3. In einem Diskurs mit Unternehmen, Verbraucherverbänden, Bildungsinstitutionen, Finanzintermediären und Regulatoren sollen Handlungsoptionen für das Risikomanagement erarbeitet werden, die den komplexen Zusammenhängen bei der Entstehung von Adipositas Rechnung tragen. Bei der Abschätzung und Bewertung dieser Maßnahmenbündel sollen sowohl mögliche nicht-intendierte Nebenfolgen institutionellen Handelns als auch potentielle Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen Systemen antizipiert werden. Schließlich sollen die einzelnen Optionen hinsichtlich ihrer Resilienz gegenüber möglichen institutionellen - rechtlichen, marktwirtschaftlichen etc. - Hemmnissen bewertet werden.

Die methodische Strategie

Die Empirie der ersten Projektphase wird sich auf drei Ebenen erstrecken:

  • Auf der Mikroebene sollen mit etwa 30 adipösen deutschen und deutschsprachigen Migrantenkindern im Schuleintritts- und im postpubertären Alter von etwa 15-16 Jahren themenzentrierte Interviews durchgeführt und um einige weitere Interviews mit normalgewichtigen Kindern bzw. Jugendlichen derselben Altersgruppen ergänzt werden. Bei diesen Tiefeninterviews geht es vor allem um die Exploration von Selbst- und Körperbildern, von Ernährungs- und Bewegungsstilen, persönlichen Neigungen, Wünschen und Zielen, um die Frage des Gesellungsverhaltens und um Rückwirkungen auf Ernährungs- und Bewegungsmuster. Da der Anteil an Ausländerkindern in Deutschland ansteigt und diese Gesellschaftsgruppe einen erheblichen Anteil adipöser Kinder stellt, scheint es unverzichtbar, Migrantenkinder aus wenigstens einer der großen Migrantengruppen in die Analysen auf der Mikro- und Mesoebene einzubeziehen. Über die rekrutierten Kinder und Jugendlichen dieser qualitativen Analysen soll auch das soziale Netzwerk - Eltern, Lehrer, Erzieher, Ärzte, Sozialarbeiter etc. - erschlossen und gegebenenfalls in die Untersuchung mit einbezogen werden. Auf der Mikroebene werden des Weiteren von Frau Prof. Dr. Bode und Dr. Parlesak physiologische Analysen durchgeführt. Hierbei geht es insbesondere um die Erhebung einer Ernährungsanamnese, in welche anthropometrische Daten und Informationen über körperliche Aktivitäten und Bewegungsmuster einfließen. Die Daten werden ergänzt durch eine Familienanamnese, die den familiären Hintergrund und den typischen Tagesablauf adipöser Kinder dokumentiert. Die Forschungen auf der Mikroebene werden durch Stoffstromanalysen abgerundet, welche an externe Institutionen vergeben werden. Ziel der Stoffstromanalysen ist es, die ökologischen Auswirkungen des Ernährungsverhaltens adipöser Personen im Vergleich zu Normalgewichtigen abzuschätzen und vor dem theoretischen Konzept einer 'nachhaltigen Ernährung' zu bewerten.  
  • Auf der Mesoebene wird es im Jahr 2007 eine standardisierte Befragung von zirka 500 übergewichtigen bzw. fettleibigen Kindern (im Schuleintrittsalter) und Jugendlichen (im Alter zwischen 15 und 16 Jahren) geben, in dessen Erhebungsinstrument die Ergebnisse der qualitativen Studie einfließen. Diese Daten sollen den sozialen Background adipöser Kinder ausleuchten - u.a. den sozio-ökonomischen Status, Bildung, Wohnsituation etc. - aber auch viele psychologische, ernährungs- und lebensstilrelevante Merkmale zum Gegenstand haben.
  • Auf der Makroebene wird Herr Dr. Helmert anhand von Datensätzen, die für Sekundäranalysen zur Verfügung stehen, epidemiologische Analysen durchführen. Daneben sollen auch lebensstil- und ernährungsrelevante Analysen durchgeführt werden und gegebenenfalls Quelldaten für die Stoffstromanalysen generiert werden. Diese Analysen können mit großen Fallzahlen realisiert werden und Erkenntnisse für breite Alters- und differenzierte Lebensstilgruppen erbringen.


Weitere Informationen bekommen Sie bei:
Jürgen Deuschle, M.A.
ZIRN
Universität Stuttgart
Seidenstraße 36
70174 Stuttgart
Tel:  +49/ 711 - 6858  3973
Fax: +49/ 711 - 6858  2487
E-mail: Kontakt

Dr. Michael M. Zwick 
ZIRN
Universität Stuttgart
Seidenstraße 36
70174 Stuttgart
Tel:   +49/ 711 - 6858-3972 
Fax:  +49/ 711 - 6858-2487
E-mail: Kontakt
Homepage des Projektes


Das Projektteam

Die Antragsteller lassen sich in drei Kreise untergliedern: Im ersten oder "inneren" Kreis sind die federführenden Institutionen zusammengefasst, die das Projekt wissenschaftlich bearbeiten werden. Sie repräsentieren die wichtigsten Disziplinen, die für die vorliegenden Fragestellungen bedeutsam sind. Aufgabe der Mitglieder des "inneren" Kreises ist es, den Stand der Forschung aufzuarbeiten, durch eigene Erhebungen zu ergänzen und durch disziplinäre Kurzgutachten darzustellen, sowie Anknüpfungspunkte zu Nachbardisziplinen herzustellen. Hierbei handelt es sich um folgende Personen und Institutionen:

Der "äußere Kreis"

Der zweite "äußere" Kreis setzt sich vor allem aus InteressengruppenvertreterInnen zusammen, die in Kooperation mit dem ersten, wissenschaftlichen Kreis und auf der Basis der dort gewonnenen Erkenntnisse versuchen, Handlungsoptionen zu entwickeln und sie unter realitätsnahen Gesichtspunkten auf ihre Tauglichkeit für das Risikomanagement abzuschätzen. Diese Partner bilden gleichzeitig auch den Kern der runden Tische bzw. Expertendelphis. In diesem "äußeren" Kreis sind vertreten:

Wissenschaftlicher Beirat

Das Projekt wird durch einen international zusammengesetzten wissenschaftlichen Beirat beraten. Seine Mitglieder sind:

Anmerkungen

(1) WHO 2005: Fact sheet Euro 13/05 der International Obesity Task Force vom 12.9.2005, http://www.iotf.org/ health topics - obesity, S. 3.
(2) WHO 2005: S. 4.
(3) Statistisches Bundesamt 2004: Gesundheitswesen. Körpermaße der Bevölkerung nach Altersgruppen, http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab8.php
(4) WHO 2005: S. 2.
(5) Die BMI-25-Grenze fällt für Erwachsene übrigens fast exakt mit der Grenzziehung zwischen Normal- und Übergewicht nach Broca zusammen. Für eine 1.80 m große Person entspricht ein BMI von 25 81.0 kg, die Broca-Grenze liegt bei 180-100=80 kg.
(6) Robert-Koch-Institut und Statistisches Bundesamt 2003: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Berlin: Heft 16: 8.
(7) Exemplarisch Flegal, K.M., Graubard, B.I. u.a. 2005: Excess Deaths Associated With Underweight, Overweight, and Obesity, JAMA, Vol. 293 (15): 1861-1867; Bender, R., Trautner, C u.a. 1988: Assessment of Excess Mortality in Obesity. American Journal of Epidemiology, Vol. 147 (1): 42-48.
(8) Auf diesen oftmals vernachlässigten Gesichtspunkt weist Freudenburg hin (2003: Institutional failure and the organizational amplification of risks: the need for a closer look, in: Pidgeon, N., Kasperson, R.E. und Slovic, P. (Hg.): The Social Amplification of Risk, Cambridge: 102-120).
(9) Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung e.V. 2005: Pressemitteilung vom 1.4.2005.
(10) Munker, B. 2005: In den USA blüht das Geschäft mit Reisen für Übergewichtige. StZ 11.8.05; Koch, W. 2005: Branche verkauft viele Hosen für schwere Sprösslinge. StZ 8.12.05.
(11) Die ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast beklagte in einer Regierungserklärung am 17. Juni 2004, daß wir "bereits heute weit über 71 Milliarden Euro Folgekosten in unserem Gesundheitssystem für ernährungsmitbedingte Krankheiten aufbringen" müssen (ohne hierfür eine Quelle zu nennen). http://www.berlinews.de/archiv-2004/2290.shtml
(12) Koch, K. 1998: Jeder zweite Amerikaner ist krank - per Definition. SZ, vom 4.6.: 26. Koch, A. 1998: Wie krank sind Dicke wirklich? Die Woche vom 14.8.: 22. Andreas Vogt kommt nach eingehenden Analysen zu dem Schluß, dass "dramatisierte Krankheiten Millionen kosten" (Vogt, A. 2004: Schaffen wir die Gesundheit ab, Ms., Stuttgart).
(13) Trotz widersprüchlicher Studien wird die WHO nicht müde, zu unterstreichen, "dass bereits ab einem BMI von 20-22 Erkrankungsrisiken ansteigen und es schon ab einem BMI von 21 zu einem merklichen Verlust an Lebensjahren" komme. Branca, F. 2005: The Challenge of Obesity in the WHO European Region. Fact sheet EURO 13/05, Copenhagen: 1
(14) OECD (2003) Emerging Systemic Risks: Final Report to the OECD Futures Project, OECD: Paris.
(15) Kasperson, R.E. et al. (1988) The social amplification of risk: A conceptual framework. Risk Analysis, Nr. 8/1988: 177-187.
(16) WHO 2002: Weight control and physical activity. IARC handbooks of cancer prevention, Vol. 6, Lyon.
(17) Schneider, H. und Schmid, A. 2004: Die Kosten der Adipositas in der Schweiz. Schlussbericht für das Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bern: 10.
(18) Müller, M., Reinher, T. und Hebebrand, J. 2006: Prävention und Therapie von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 6 (10. Febr.): C277.
(19) Meier-Plöger, A. 2001: Praktische Umsetzung der Ernährungsziele, in: Berichte der Forschungsanstalt für Ernährung (Hg.): Ernährungsziele unserer Gesellschaft - die Beiträge der Ernährungswissenschaft, Karlsruhe: 39.
(20) Ebd.

 

Publikationen im Rahmen des Projekts

Leider keine Publikationen...

Hier können Sie gezielt nach Publikationen suchen.

Kontakt

  • Prof. Dr. Ortwin Renn

    • Universität Stuttgart, Internationales Zentrum für Kultur- und Technikwissenschaften (IZKT)
    • Seidenstr. 26
    • 70174 Stuttgart
    • Telefonnummer: 0711/ 6858 3970
    • Faxnummer: 0711/6858 2487
    • E-Mail-Adresse: