Laufzeit: 01.12.2005 - 31.12.2009
Übergewicht und Adipositas werden in diesem Projekt exemplarisch als ein systemisch wirkendes, verhaltensinduziertes Risiko verstanden. Ziel ist es, ein umfassenderes Problemverständnis zu erreichen und wirksame Handlungsoptionen zur Prävention zu entwickeln. Dazu werden die Wechselwirkungen zwischen individuellen, sozialen und ökologischen Faktoren durch eine theoretisch-empirische Modellierung der verhaltensinduzierten Risiken erforscht. Das bestehende Wissen wird dabei durch Fokusgruppen, Befragungen und physiologische Analysen ergänzt.
Ausgangslage
Die jüngsten Verlautbarungen aus Politik und Gesundheitswesen lassen aufhorchen: Seit Jahren kann in den westlichen Industriegesellschaften eine massive Zunahme von Personen mit Übergewicht und Adipositas festgestellt werden. Einer aktuellen Veröffentlichung der WHO zufolge, hat sich der Anteil fettleibiger Menschen in Europa seit den 80er Jahren verdreifacht (1) und mittlerweile ein "epidemieartiges Ausmaß" angenommen. (2) Von dieser Entwicklung ist auch Deutschland betroffen: Das Statistische Bundesamt errechnete auf der Grundlage des Mikrozensus für das Jahr 2003 unter der volljährigen Wohnbevölkerung Anteile von 2% unter-, 48% normal-, 36% übergewichtigen und 13% adipösen Personen, wobei Männer mit 44% Übergewichtigen und 14% Adipösen schlechter abschneiden als Frauen (29% bzw. 12%). (3) Als besonders besorgniserregend gilt die Entwicklung bei der nachwachsenden Generation. Der WHO zufolge rangiert der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland, gemessen an anderen europäischen Ländern zwar im unteren Viertel, weist aber eine steigende Tendenz auf. (4)
Zur Einordnung von Gewichtsklassen wird der so genannte Body-Mass-Index [BMI] herangezogen, bei dem das Körpergewicht durch das Quadrat der Körpergröße dividiert wird. Bei einem BMI größer als 25 wird von Übergewicht gesprochen, (5) ab 30 von Adipositas, die in weitere Kategorien - ab BMI 35 Adipositas Grad II und ab BMI 40 Grad III - unterteilt wird. Bei Kindern und Jugendlichen wird mit Perzentilen des BMI operiert. (6) Nach den Zahlen des Ernährungsberichtes der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aus dem Jahr 2000 sind 11% der 6 bis17jährigen Jungen und Mädchen in Deutschland übergewichtig. Weitere 9% der Jungen und 7% der Mädchen gelten als adipös.
Hinter den genannten Grenzen verbergen sich allerdings keine natürlichen Schwellen - wie etwa zwischen gesund und krank (7) - sondern willkürliche Festlegungen, in denen auch institutionelle Interessen zum Ausdruck kommen. (8) In Übergewicht, Adipositas und den damit verbundenen Begleiterkrankungen - v.a. Diabetes Typ II, Bluthochdruck, Gefäß- und Herzerkrankungen, Erkrankungen des Geh- und Halteapparates, Erkrankungen des Verdauungs- und Stoffwechselsystems, psychische Erkrankungen - werden enorme Kosten für das Gesundheitssystem gesehen. Sie wurden von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie für das Jahr 2005 auf etwas mehr als eine Milliarde Euro beziffert.(9) Wechselt man die Perspektive von den Sozial- und Gesundheitssystemen zu den Vermarktungsinteressen des Wirtschaftssystems, dann können sowohl in der Entstehung von Fettleibigkeit als auch in ihrer Therapie und der Behandlung von Begleiterkrankungen lukrative Wachstumsmärkte erkannt werden. An die Nahrungsmittelindustrie, die energiehaltige Speisen und Getränke jederzeit und allerorts verfügbar gemacht hat, ist dabei ebenso zu denken wie an die Werbewirtschaft, an Ärzte und Psychotherapeuten. Eine ganze Industriesparte, die sich um Fitness-, Ernährungs- und Diätangebote dreht, zieht zunehmend Nutzen aus dem Phänomen der Fettleibigkeit. Mittlerweile haben auch die Bekleidungsindustrie und die Reisebranche in dicken Personen einen lukrativen Nischenmarkt entdeckt. (10) Schließlich dürfen Forschungsinstitute, Parteien und Interessenverbände, die sich des Themas annehmen, darauf hoffen, an den zur Problembearbeitung bereitgestellten Ressourcen zu partizipieren. Dementsprechend gibt es divergierende Motive, um das Problem zu dramatisieren (11) oder herunterzuspielen, (12) bzw. die geltenden Normen zu lockern oder zu verschärfen.(13)
Adipositas als systemisches Risiko
Risiko ist ein Konzept, das eingeführt wurde, um drohende Schäden kalkulierbar, vergleichbar und handhabbar zu machen. Zum rationalen Umgang mit Risiken gehört auch, drohende Schäden mit Nutzenpotentialen zu bilanzieren und dabei unterschiedlichste Standpunkte zu berücksichtigen. Inwieweit diese Konsequenzen positiv oder negativ beurteilt werden, ist eine Frage des Standorts und der subjektiven Bewertung. Aus diesem Grund haben eine Reihe von Ökonomen und Soziologen vorgeschlagen, Risiken neutral als Möglichkeit von ungewissen Folgen eines Ereignisses oder einer Handlung zu definieren, ohne darauf Bezug zu nehmen, ob die Konsequenzen positiv oder negativ zu beurteilen sind. Risiko gestattet einen privilegierten Zugriff auf die skizzierten, vielfältigen Folgen von Adipositas und die differenzierte Analyse dieser komplexen, teilweise auch paradox anmutenden Nutzen- und Schadensaspekte.
Wenn es zutrifft, dass schon heute die indirekten Auswirkungen der Adipositas, wie etwa Frühberentung, krankheitsbedingte Produktivitätsausfälle und der Verlust von Lebensjahren rund die Hälfte der Folgekosten ausmachen, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass Adipositas als ein systemisches Risiko betrachtet werden sollte, dessen Vielfalt an möglichen Folgen weit über den Horizont von Medizin und Gesundheitswesen hinausreichen: Über die individuelle Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens hinaus, kann Fettleibigkeit wirtschaftliche, soziale, ökologische und politische Risiken nach sich ziehen, die von der OECD als "systemische" Risiken bezeichnet werden.(14) Unter systemischen Risiken sind solche Risiken zu verstehen, die von möglichen Beeinträchtigungen der physischen Gesundheit oder der Umwelt ausgehen und dann in andere Bereiche hineinwirken, wobei ihre Wirkung oft verstärkt wird.(15)
Aber nicht nur auf der Seite der Auswirkungen empfiehlt es sich, das Adipositasrisiko einer systemischen Analyse zu unterziehen. Das Zustandekommen von Übergewicht und Adipositas stellt ein nicht minder facettenreiches Geschehen dar, dessen Erforschung gleichfalls ein Zusammenwirken verschiedener Wissenschaftsdisziplinen erfordert.
Die Ursachen von Adipositas
Die Entstehung von Übergewicht und Adipositas vollzieht sich vor dem Hintergrund verschiedener, ineinander greifender Faktoren:
Die Zielsetzungen
Adipositas, das sollte diese Problemskizze verdeutlichen, ist ein außerordentlich vielschichtiges Problemfeld. Sowohl bei ihrer Entstehung als auch hinsichtlich ihrer Folgen greifen individuelle Orientierungen und teilweise stark habitualisierte Verhaltensmuster, sozio-ökonomische und -kulturelle Rahmenbedingungen ineinander. Das ganze Geschehen spielt sich vor dem Hintergrund eines strukturellen und kulturellen Wandels ab, der die gesamte Gesellschaft umfasst. Wahrscheinlich liegt es daran, dass alle bisherigen Versuche, eine Wende der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten herbeizuführen, gescheitert sind. Eine aktuelle Übersicht von Müller et al. kommt zu dem Schluss: "die bisher durchgeführten Therapie- und Präventionsmaßnahmen sind ... nicht geeignet, das Adipositasproblem zu lösen... Die Ergebnisse ... zeigen, dass Adipositas mit den aus diesen Arbeiten gewonnenen Kenntnissen nicht grundsätzlich zu vermeiden oder zu behandeln ist".(18) Für Angelika Meier-Plöger bleibt ein "Gefühl von Ratlosigkeit" weil "die bisherigen Bemühungen, die Ernährungsempfehlungen der Wissenschaft in die Praxis umzusetzen ... für alle unbefriedigend"(19) erscheinen. Die Autorin geht aber noch einen Schritt weiter, wenn sie fragt: "Macht es Sinn, Ziele zu definieren, ohne explizit gesellschaftliche Bedingungen einzubeziehen?" (20) Wir vermuten "nein". Wenn überhaupt, dann lassen sich solch komplexe Phänomene wie Bewegungs- und Ernährungsverhalten, Übergewicht und Adipositas nur durch die Integration von drei Ebenen, der Akteurs-, der institutionellen und der Makroebene in einem umfassenden Sinn verstehen. Dies freilich macht eine interdisziplinäre, integrierte Erforschung unverzichtbar.
Mit dieser Studie werden im Wesentlichen drei Ziele verfolgt:
Ansprechpartner
Jürgen Deuschle, M.A.
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Universität Stuttgart
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Dr. Michael M. Zwick
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Anmerkungen
(1) WHO 2005: Fact sheet Euro 13/05 der International Obesity Task Force vom 12.9.2005, http://www.iotf.org/ health topics - obesity, S. 3.
(2) WHO 2005: S. 4.
(3) Statistisches Bundesamt 2004: Gesundheitswesen. Körpermaße der Bevölkerung nach Altersgruppen, http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab8.php
(4) WHO 2005: S. 2.
(5) Die BMI-25-Grenze fällt für Erwachsene übrigens fast exakt mit der Grenzziehung zwischen Normal- und Übergewicht nach Broca zusammen. Für eine 1.80 m große Person entspricht ein BMI von 25 81.0 kg, die Broca-Grenze liegt bei 180-100=80 kg.
(6) Robert-Koch-Institut und Statistisches Bundesamt 2003: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Berlin: Heft 16: 8.
(7) Exemplarisch Flegal, K.M., Graubard, B.I. u.a. 2005: Excess Deaths Associated With Underweight, Overweight, and Obesity, JAMA, Vol. 293 (15): 1861-1867; Bender, R., Trautner, C u.a. 1988: Assessment of Excess Mortality in Obesity. American Journal of Epidemiology, Vol. 147 (1): 42-48.
(8) Auf diesen oftmals vernachlässigten Gesichtspunkt weist Freudenburg hin (2003: Institutional failure and the organizational amplification of risks: the need for a closer look, in: Pidgeon, N., Kasperson, R.E. und Slovic, P. (Hg.): The Social Amplification of Risk, Cambridge: 102-120).
(9) Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung e.V. 2005: Pressemitteilung vom 1.4.2005.
(10) Munker, B. 2005: In den USA blüht das Geschäft mit Reisen für Übergewichtige. StZ 11.8.05; Koch, W. 2005: Branche verkauft viele Hosen für schwere Sprösslinge. StZ 8.12.05.
(11) Die ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast beklagte in einer Regierungserklärung am 17. Juni 2004, daß wir "bereits heute weit über 71 Milliarden Euro Folgekosten in unserem Gesundheitssystem für ernährungsmitbedingte Krankheiten aufbringen" müssen (ohne hierfür eine Quelle zu nennen). http://www.berlinews.de/archiv-2004/2290.shtml
(12) Koch, K. 1998: Jeder zweite Amerikaner ist krank - per Definition. SZ, vom 4.6.: 26. Koch, A. 1998: Wie krank sind Dicke wirklich? Die Woche vom 14.8.: 22. Andreas Vogt kommt nach eingehenden Analysen zu dem Schluß, dass "dramatisierte Krankheiten Millionen kosten" (Vogt, A. 2004: Schaffen wir die Gesundheit ab, Ms., Stuttgart).
(13) Trotz widersprüchlicher Studien wird die WHO nicht müde, zu unterstreichen, "dass bereits ab einem BMI von 20-22 Erkrankungsrisiken ansteigen und es schon ab einem BMI von 21 zu einem merklichen Verlust an Lebensjahren" komme. Branca, F. 2005: The Challenge of Obesity in the WHO European Region. Fact sheet EURO 13/05, Copenhagen: 1
(14) OECD (2003) Emerging Systemic Risks: Final Report to the OECD Futures Project, OECD: Paris.
(15) Kasperson, R.E. et al. (1988) The social amplification of risk: A conceptual framework. Risk Analysis, Nr. 8/1988: 177-187.
(16) WHO 2002: Weight control and physical activity. IARC handbooks of cancer prevention, Vol. 6, Lyon.
(17) Schneider, H. und Schmid, A. 2004: Die Kosten der Adipositas in der Schweiz. Schlussbericht für das Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bern: 10.
(18) Müller, M., Reinher, T. und Hebebrand, J. 2006: Prävention und Therapie von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 6 (10. Febr.): C277.
(19) Meier-Plöger, A. 2001: Praktische Umsetzung der Ernährungsziele, in: Berichte der Forschungsanstalt für Ernährung (Hg.): Ernährungsziele unserer Gesellschaft - die Beiträge der Ernährungswissenschaft, Karlsruhe: 39.
(20) Ebd.
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Zwick, M.; 2010, Stuttgart mehr
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(URL: http://www.sozial-oekologische-forschung.org/de/494.php)
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