Von der Agrarwende zur Konsumwende? Eine Untersuchung der Effekte der Agrarwende für die Verbreitung nachhaltiger Ernährungsmuster entlang der Akteurskette vom Produzenten bis zum Konsumenten

Das Projekt untersucht, inwieweit die Agrarwende von einer entsprechenden Veränderung des Ernährungsverhaltens der Konsumenten gestützt wird, welche Faktoren diesen Zusammenhang beeinflussen und wie er optimiert werden kann.

 

Problemstellung und Ziel des Projekts

Am 20. November 2000 gab es in Deutschland den ersten BSE-Fall. Damit war der Mythos eines "BSE-freien Deutschland" dahin. Das Label "Qualität aus deutschen Landen" war entwertet und versprach keine Sicherheit mehr. Hektische Aktivitäten entwickelten sich im Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium, an deren Ende, zwei Monate später, der Rücktritt zweier Minister und ein neu strukturiertes Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft unter Leitung von Renate Künast stand. Das Prinzip des "vorsorgenden Verbraucherschutzes" wurde zum neuen programmatischen Bezugspunkt des politischen Handelns erklärt.

Dieses Prinzip soll - neben neuen Strukturen und Methoden der Qualitätssicherung - im wesentlichen durch eine "Agrarwende" erreicht werden, die sich an einem neuen Leitbild der Landwirtschaft orientiert. Im Vordergrund steht dabei nicht mehr das Prinzip der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch agrarindustrielle Rationalisierung, sondern die Herstellung gesunder und vollwertiger Lebensmittel, die unter Schonung der natürlichen Umwelt und im Rahmen einer artgerechten Tierhaltung erfolgt und zugleich zur Pflege der Kulturlandschaft beiträgt. Das Motto der Agrarwende lautet "Klasse statt Masse". Eine Leitfunktion wird dabei dem ökologischen Landbau zugewiesen. Der Marktanteil der Produkte aus ökologischem Landbau soll in zehn Jahren von derzeit ca. 3% auf ca. 20% steigen. Nun wird zwar die Möglichkeit der Ausweitung des ökologischen Landbaus in diesem Umfang auch von Verbandsvertretern des ökologischen Landbaus eher skeptisch beurteilt (z.B. Groß 2002). Darüber hinaus hat die Strategie "raus aus der Öko-Nische" und Erschließung neuer Vermarktungsformen über Supermärkte und Handelsketten auch strukturelle Rückwirkungen auf den Ökolandbau selbst. Ob die unter dem Stichwort "Industrialisierung des Ökolandbaus" formulierten Ängste betroffener Öko-Bauern berechtigt sind, ist eine offene Frage. Nicht zuletzt hat der Nitrofen-Skandal gezeigt, dass auch der Ökolandbau vor Qualitätsrisiken nicht gefeit ist. Die propagierte Agrar- und Konsumwende kann sich somit nicht in einer quantitativen Ausweitung des Ökolandbaus und des Marktanteils von Öko-Produkten erschöpfen. Gefordert sind differenziertere Bewertungsmaßstäbe.

Weitgehender Konsens besteht darüber, dass eine am Prinzip "Klasse statt Masse" (oder: Qualität statt Billigprodukte) orientierte Agrarwende nicht nur gravierende Veränderungen in den Förderrichtlinien und den bestehenden Produktionsstrukturen, sondern auch in den Erwartungshaltungen und Ernährungsgewohnheiten der Verbraucher voraussetzt. Besteht das Ziel in einer generellen Ökologisierung der Landwirtschaft, in der Durchsetzung (oder Wiederherstellung) artgemäßer Formen der Tierhaltung und in einer erhöhten Qualitätssicherung, so hat dies seinen Preis. Die Agrarwende kann nur dann gelingen, wenn die verschiedenen Verbrauchergruppen bereit sind, die Kosten von arbeitsintensiveren, ökologisch verträglicheren Formen des Landbaus, den Aufwand für artgerechte Tierhaltung, für bäuerliche Leistungen der Landschaftspflege sowie für umfassendere und transparentere Formen der Qualitätssicherung zu honorieren. Das setzt zumindest z.T. eine veränderte Einstellung zu Lebensmitteln und zur eigenen Ernährung voraus. Dass dies gelingt, ist alles andere als selbstverständlich. Zu viele Trends - hin zu Convenience-Produkten, zum Außer-Haus-Konsum, zu exotischem und modischem Konsum, zur "Globalisierung der Speisekammer", zu immer tieferen Verarbeitungsgraden, immer raffinierteren Geschmackszusätzen usw. - wirken der gewünschten und unter den Kriterien der Nachhaltigkeit gebotenen "Ernährungswende" auf Seiten der Verbraucher entgegen.

Ziel des Projekts ist es deshalb erstens zu überprüfen, ob die an der Produzentenseite ansetzenden Maßnahmen der Agrarwende, die damit ausgelösten Veränderungen des Angebots sowie die auf das Verbraucherverhalten zielenden Beratungsangebote und politischen Öffentlichkeitskampagnen in der Tat zu den angestrebten Veränderungen des Ernährungsverhaltens führen - oder warum nicht bzw. nicht so, wie erhofft. Dabei soll das Zusammenwirken der einzelnen Glieder der Wertschöpfungs- bzw. Akteurskette von den Landwirten über die Lebensmittelindustrie, den Handel und die Verbraucherberatung bis hin zum Konsumenten und das Zusammenwirken der auf all diesen Ebenen wirksamen Blockaden im Vordergrund stehen.

Ziel des Projekts ist zweitens eine Bewertung der eingetretenen - auch der nicht-intendierten - Effekte der Agrarwende unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, wobei die Bewertungsmaßstäbe selbst erst im Verlauf der Studie, in Kooperation mit den verschiedenen Akteursgruppen konkretisiert werden sollen.

Und drittens sollen auf der Basis dieser Analyse und in Kooperation mit Akteuren aus den verschiedenen Praxisfeldern praktische Ansatzpunkte zu einer Optimierung des Zusammenhangs von Agrarwende und Konsum- bzw. Ernährungswende entwickelt werden. Diese Optimierungsstrategien werden ihrerseits auf unterschiedliche, mögliche Entwicklungsszenarien bezogen.

Das Projekt konzentriert sich dabei auf den Bereich, dem eine gewisse Leitfunktion für die Agrarwende zugesprochen wird: auf die Ausweitung des ökologischen Landbaus und seiner Folgen für Verarbeitung, Handel und Konsum. Trotz dieser thematischen Fokussierung wird die Einbettung dieses Sektors in den breiteren Kontext gesellschaftlicher Reaktionen auf die Agrarwende systematisch mit berücksichtigt. So werden auf der Produzentenseite neben Ökobetrieben auch die konventionellen Betriebe, Umstellungsbetriebe und Rückumsteller in die Erhebung mit einbezogen. Auch auf Seiten der Verbraucher lassen sich die Effekte der öffentlichen Debatte über Agrarskandale und Agrarwende, die davon angestoßenen Veränderungen im Bewusstsein und im Ernährungsverhalten, nur dann erklären und verstehen, wenn sie in das Gesamtsspektrum unterschiedlicher, gruppenspezifischer Ernährungspraktiken und Ernährungskulturen eingebettet werden.

Projektstruktur

Die Struktur des Verbundprojekts besteht aus fünf Arbeitsmodulen und vier Querschnittsarbeitspaketen (vgl. Grafik: Projektstruktur)

(A) Arbeitsmodule

Die Module beziehen sich auf die Akteursgruppen entlang der Akteurskette:

Bewertungskriterien und Entwicklungsszenarien für eine nachhaltige Nahrungserzeugung - regionale Fallstudien

Die Analyse stützt sich in diesem Fall auf zwei regionale Fallstudien (a) Großraum München-Niederbayern und (b) Mecklenburg-Vorpommern, die beide eine hohe Wachstumsdynamik im Öko-Landbau aufweisen, aber aufgrund sehr unterschiedlicher Bedingungsfaktoren (andere Betriebsstrukturen, Standort-, Verarbeitungs- und Vermarktungsbedingungen). Im Vordergrund steht die Frage der Umstellungsmotivation unter unterschiedlichen Bedingungen, die Frage nach den Hemmnissen und den Folgen der Agrarwende auf der Alltagsebene der Landwirte. Hier soll auch die Interaktion der einzelnen Akteure (Produzenten, Verarbeiter, Vermarkter, Verbraucher) unter den jeweiligen Standortbedingungen untersucht werden - um auf diesem Hintergrund regional spezifizierte Bewertungskriterien für nachhaltigen Konsum zu gewinnen.

weitere Informationen bei:
Jochen Kantelhard & Alois Heissenhuber
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues
TU München Weihenstephan
Alte Akademie 14
85350 Freising
Tel:+49 (0)8161-71 40 08
Fax: +49 (0)81 61-71 44 26
email: Kontakt Kantelhard, Kontakt Heissenhuber
Homepage: http://www.wzw.tum.de/wdl/

Nachhaltige Agrarpolitik und Unternehmensstrategien: Zur Rezeption politischer Steuerungsimpulse auf betriebenswirtschaftlicher Ebene

Zentrales Forschungsziel in diesem Modul ist die Frage, wie die Agrarwende von Verarbeitungs- und Handelsunternehmen wahrgenommen wird und zu welchen Handlungen bzw. Marketingstrategien die jeweiligen Wahrnehmungsmuster bei Herstellern sowie im Lebensmitteleinzelhandel führen. Es geht dabei im vorliegenden Projekt nicht - bzw. nicht in erster Linie - um die Erhebung von Marktanteilen, Sortimentsveränderungen, Platzierungskonzepten u. ä., sondern um die dahinter liegenden Entscheidungsmuster aufgrund der jeweiligen Risikoeinschätzung, der Bewertung der Kostenstrukturen, des Commitments in neue ökologische und regionale Produkte, des Vertrauen in politische Richtungsstabilität usf.

Als Arbeitshypothese gehen wir dabei von folgender Beobachtung aus: Die Zielrichtung der Agrarwende "20 % Bioprodukte" vertieft einen bereits bestehenden Konflikt in der Ernährungswirtschaft. Auf der einen Seite stehen idealtypisch kleinbetriebliche westdeutsche Familienbetriebe mit hohem Engagement in der Direktvermarktung, bei Tourismus und Dienstleistungen. Ihnen nachgelagert sind mittelständische, auf Öko-Produkte spezialisierte Hersteller und eine zweistufige Distributionskette mit starker regionaler Komponente, ausgeprägtem Bedienungsanteil und entsprechenden Kosten. Auf der anderen Seite finden sich ostdeutsche LPG-Nachfolgebetriebe mit hohem Spezialisierungsgrad, konventionelle Markenartikler und der einstufige Absatz über den großbetrieblichen Einzelhandel. Vor diesem Hintergrund identifizieren viele Akteure die Agrarwende als weiteren Schritt auf einem Pfad, der die ökologische Landwirtschaft näher an das traditionelle Agrobusiness heranführt. Damit werden vielfältige potentielle Zielkonflikte virulent: Premiumpreise oder Verdrängungsstrategien, Gefährdung der Lebensmittelsicherheit durch komplexere Wertschöpfungsstrukturen (vgl. Nitrofen), Vollwerternährung versus Convenience-Produkte, ganzheitliche Ernährungskultur oder Öko-Fast-Food, Regionalität oder Weltmarktorientierung.

weitere Informationen bei:
Prof. Dr. Achim Spiller
Institut für Agrarökonomie
Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
email: Kontakt
Tel: +49 (0)551-39 23 99

Ernährungsökologische Bewertung stark verarbeiteter Öko-Lebensmittel

In diesem Modul wird eine ernährungsökologische Analyse und Bewertung der prognostizierten zunehmenden Lebensmittelverarbeitung von Öko-Produkten durchgeführt, unter Zugrundelegung von gesundheitlichen, ökologischen, sozialen und ökonomischen Kriterien der Nachhaltigkeit, die im Laufe des Projekts erst noch konkreter zu bestimmen sind. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf Öko-Convenience-Produkte.

weitere Informationen bei:
Prof. Dr. Ingrid Hofmann
Institut für Ernährungswissenschaft
Universität Gießen
Wilhelmstr. 20
35392 Gießen
Tel. +49 (0)641-99 39 055
email: Kontakt

Innovative Ansätze für die Ernährungsberatung

Ziel dieses Moduls ist es, Handlungsoptionen für die Ernährungsberatung zu entwickeln, um eine nachhaltige Ernährungsweise bei der Bevölkerung zu fördern. Dabei sollen, ausgehend von einer Bestandsaufnahme der Ernährungsberatung, insbesondere neue, innovative Wege der Verbraucherberatung oder - ansprache aufgezeigt werden, die sich an den Bedürfnissen, Handlungsmöglichkeiten, Rationalitäten und Lebensstilen der geschlechts-, alters- und milieuspezifischen Zielgruppen orientieren. Das sind neben herkömmlichen Beratungsformen zielgruppenspezifische Kampagnen, Social Marketing, emotionale, sinngesteuerte Ernährungsaufklärung (Geschmacksproben), gezielter Einsatz von Multiplikatoren (z.B. "Öko-BotschafterInnen" in Supermärkten) usw.

weitere Informationen bei:
Prof. Dr. Georg Karg / Dr. Waltraud Kustermann
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Haushalts
Weihenstephaner Steig 17
85350 Weihenstephan
Tel. +49 (0)8161-71 35 68
email: Kontakt Karg, Kontakt Kustermann

Agrarwende und neue Ernährungsmuster: "Karrieren" nachhaltigen Konsums

Auf der Grundlage von zwei empirischen, großstädtischen Fallstudien (München und Leipzig) soll in diesem Modul geklärt werden, inwieweit die "Agrarwende" auf Seiten der KonsumentInnen (private Haushalte) eine am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientierte Veränderung des Ernährungsverhaltens und -handelns bewirkt. Konkret geht es darum, Bedingungen und Verläufe für "Karrieren nachhaltigen Konsums" herauszuarbeiten. Dazu sollen hemmende Faktoren und positive Anknüpfungspunkte auf der Wahrnehmungs- und der Handlungsebene herausgearbeitet werden: bspw. in Bezug auf Ernährungswissen, Wahrnehmung und Bewertung der "Agrarwende", Verknüpfung von Zielen der Agrarwende mit subjektiven Qualitätskriterien, Grad der Verunsicherung, symbolische Strategien der Herstellung von Sicherheits-Fiktionen, Einbettung des Ernährungsverhaltens in alltägliche Formen der Lebensführung, Verknüpfung mit sozialen Statusaspekten - oder auch mit biographischen Wendepunkten (Schwangerschaft und Geburt von Kindern, Krankheiten, Trennungen, Umzug usw.). Es sollen aber auch - aus der Sicht der jeweiligen Konsumentengruppen - hemmende und fördernde Faktoren auf der Strukturebene identifiziert werden: Angebotsstruktur, Preisrelationen, Haushaltsökonomie etc.

weitere Informationen bei:
Prof. Dr. Karl-Werner Brand
MPS e.V.
Dachauerstr. 189
80637 München
Tel. +49 (0)89 15 57 60
email: Kontakt
Homepage http://www.sozialforschung.org

(B) Querschnitts-Arbeitspakete

Quer zu den Modulen dazu liegen vier Arbeitspakete, die sich mit Querschnittsfragen befassen:

Querschnitts-Arbeitspaket 1 befasst sich mit der Weiterentwicklung des sozial-ökologischen Rahmenkonzepts mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie.

Sozial-ökologische Forschung ist - in wissenschaftlicher Hinsicht - "darauf gerichtet, die noch immer weitgehend unverbundenen Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen und der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung sowohl problembezogen miteinander zu verknüpfen als auch theoretisch zu integrieren. (...) Statt einzelner, vermeintlich isolierbarer und durch punktuelle Maßnahmen lösbarer Umweltprobleme analysiert sozial-ökologische Forschung übergreifende sozial-ökologische Problemlagen und deren Dynamik oder - allgemeiner formuliert - die komplexen Beziehungsmuster zwischen Gesellschaft und Natur sowie Möglichkeiten ihrer Transformation hin zu nachhaltigen Entwicklungspfaden." (Becker/Jahn/Schramm, 1999, Sozial-ökologische Forschung - Rahmenkonzept, S. 1)

Das Konzept der sozial-ökologischen Forschung bietet allerdings nicht mehr als einen lockeren Rahmen für eine interdisziplinäre, handlungsorientierte Forschung, die das Augenmerk auf die ökologischen Implikationen und Folgen gesellschaftlicher Praktiken und zugleich auf die konflikthaften sozialen Prozesse der Herstellung und Veränderung "gesellschaftlicher Naturverhältnisse" richtet. Welche theoretischen Konzepte und methodischen Modelle sich am besten zur Verknüpfung der verschiedenen disziplinären Perspektiven in der Analyse sozial-ökologischer Transformationsprozesse eignen, ist damit noch nicht gesagt. Das Verbundprojekt versucht, den insbesondere mit dem Namen Bruno Latour verbundenen Ansatz der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) für diese Fragestellung nutzbar zu machen.

Im Querschnitts-Arbeitspaket 2 sollen integrative, regional spezifizierte Bewertungskriterien nachhaltigen Konsums entwickelt werden.

Wenn für "nachhaltigen Konsum" die Verknüpfung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien entscheidend ist, und wenn dabei die gesamte Akteurskette von den Produzenten bis zu den Konsumenten ins Blickfeld genommen werden muss, so ist keineswegs selbstverständlich, dass die quantitative Ausweitung des Ökolandbaus auf 10-20% oder auch die kleinräumige, regionale Vermarktung per se schon nachhaltig sind. Das bedarf einer regional differenzierten Analyse. In wie weit verändert sich bspw. mit neuen Vermarktungswegen und Verarbeitungsstrukturen die ökologische Vorteilhaftigkeit von Bio-Produkten? Wer sind auf einzelbetrieblicher, regionaler und volkswirtschaftlicher Ebene die "Gewinner" und "Verlierer" der Agrarwende? Kommt es durch die Agrarwende nicht nur zu einer Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft, sondern auch zu einer "Konventionalisierung" der ökologischen Landwirtschaft und der entsprechenden Vermarktungsstufen? Wie sind diese Folgen unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu bewerten?

Im Querschnitts-Arbeitspaket 3 geht es um die Analyse von alltagsweltlichen Brückenkonzepten, von Begriffen, Metaphern, Symbolen und Bildern, die die Kommunikation zwischen den Akteursgruppen im Feld der Agrar- und Konsumwende steuern.

Da zwischen Produktion und Konsum von Lebensmitteln kaum mehr ein unmittelbarer Erfahrungszusammenhang besteht, wird diese Kluft üblicherweise durch Werbebilder idyllischer Agrarlandschaften vermittelt. Das soll Sympathie schaffen und Vertrauen wecken. Ergänzt durch das staatliche Versprechen von Lebensmittelsicherheit ist das die Hintergrundmusik, die zwar gelegentlich durch Lebensmittelskandale oder abschreckende Berichte über Massentierhaltung gestört wird, ansonsten aber ein gutes Gefühl verschafft, das es erlaubt, vorrangig auf den Preis oder andere Aspekte der jeweiligen Waren und Lebensmittel zu achten..

Die Frage ist, ob eine Ernährungswende unter diesen Bedingungen möglich ist, oder ob eine Ernährungswende nicht auch eine neue Sensibilität für die sozialen und ökologischen Implikationen der jeweiligen Ernährungsweise erfordert - und da ein Wissen all dieser Zusammenhänge natürlich jeden überfordert, ob die Ernährungswende nicht bestimmte, neue Bilder oder Brückenkonzepte braucht, in denen sich diese Zusammenhänge verdichten. In diesem Sinne lässt sich die These formulieren, dass die intendierte Agrarwende nur dann durch eine Konsum- oder Ernährungswende gestützt wird, wenn sich auch neue Brückenkonzepte, neue Begriffe, Symbole und Bilder einer angemessenen, "nachhaltigen" Produktionsform von Lebensmitteln durchsetzen.

Im Querschnitts-Arbeitspaket 4 geht es um die Auswirkungen und Implikationen der Agrar- und Konsumwende auf das Geschlechterverhältnis. Frauen treten an allen Punkten der Akteurskette als besonders Betroffene wie als kompetente Entscheiderinnen auf. Ein ökologischer Kurswechsel in der Erzeugung, Bearbeitung und Vermarktung des Angebots landwirtschaftlicher Produkte hat so auch erhebliche Auswirkungen auf die geschlechtsspezifische Rollen- und Aufgabenverteilung. Bekannt ist die Klage der Bäuerinnen über den Mehraufwand durch Direktvermarktung. Auch im Haushalt sind es überwiegend Frauen, die nicht nur einen Großteil der Entscheidungen über Ernährungspraktiken treffen (Einkauf, Zubereitung der Nahrung, Haushaltsorganisation), sondern auch vom Mehraufwand einer frischen Nahrungszubereitung betroffen sind. Geschlechtsspezifische Problemwahrnehmungen und Sensibilitäten (z.B. aufgrund der besonderen Verantwortung für die Gesundheit der Kinder) prägen darüber hinaus die generelle Bereitschaft, sich auf nachhaltigere Ernährungs- und Konsumformen einzulassen. Das alles muss mit der üblichen Mehrfachbelastung moderner, berufstätiger Mütter in eine alltagspraktische Balance gebracht werden. Die Chancen, dass die politisch initiierte "Agrarwende" von einer "Ernährungs"- oder "Konsumwende" getragen wird, sind somit entscheidend auch von den geschlechtsspezifischen Beziehungen und der Arbeitsteilung in Erzeuger- und Verbraucherhaushalten abhängig.

Die interdisziplinäre Integration des Forschungsteams soll zum einen durch regelmäßig stattfindende, halbjährliche Integrationsworkshops, zum anderen durch die Beteiligung der verschiedenen Verbundpartner an den Querschnittsarbeitspaketen sichergestellt werden soll. Der Qualitätssicherung dienen darüber hinaus zwei zentrale "Meilensteine" des Projekts (= Integrationsworkshop 4 und 6). Die Rückkoppelung mit den Praxisakteuren soll durch die von den Einzelmodulen geplanten Expertenworkshop sowie durch die in der letzten Projektphase stattfindenden zwei "Theorie-Praxis-Dialoge" erfolgen, in deren Rahmen die erarbeiteten Optimierungsvorschläge Vertreten der involvierten gesellschaftlichen Akteursgruppen (Politik, Erzeuger, Handel, Ernährungsberatung) zur Diskussion gestellt werden.

Weitere Informationen bekommen Sie bei:
Prof. Dr. Karl-Werner Brand
MPS e.V.
Dachauerstr. 189
80637 München
Tel: +49 (0)89-15 57 60
email: Kontakt

Homepage des Projektes: http://www.konsumwende.de

 

Publikationen im Rahmen des Projekts

15 Projektpublikationen

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Publikationen

  • Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in München und Leipzig - sozialdemographische Hintergründe, Einkaufspräferenzen und Ernährungshaltungen

    Kropp, C. & Sehrer, W.; 2004, München mehr

  • Die Preise von Bio-Lebensmitteln als Hürde bei der Agrar- und Konsumwende

    von Koerber, K. & Kretschmer, J.; 2001, Bonn mehr

Gesamtliste der SÖF-Literatur
(URL: http://www.sozial-oekologische-forschung.org/de/494.php)

Kontakt

  • Prof. Dr. Karl-Werner Brand

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