Laufzeit: 01.01.2010 - 31.12.2013
Nachhaltiges Management gekoppelter sozial-ökologischer Systeme am Beispiel der Fischbesatzpraxis in der Angelfischerei
Ausgangslage
Die Vielfalt der Organsimen in natürlichen Flüssen und Seen (aquatische Biodiversität) ist durch lange zurückreichende - und teils nicht mehr rückgängig zu machende - menschliche Veränderungen der Lebensraumstrukturen und der Wasserqualität stark zurückgegangen. Süßwasserfische gehören weltweit zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltieren. Etwa die Hälfte aller in Deutschland heimischen Arten ist gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Wildlebende Fische haben eine elementare Bedeutung für die Struktur und Funktion von Gewässern und bieten eine Vielzahl an ökologischen "Dienstleistungen" für die Gesellschaft. Darüber hinaus sind sie begehrte Objekte von Anglern und Fischern. Fische tragen in diesem Zusammenhang zur Selbstversorgung mit Fischprotein bei und sind ein wesentlicher Bestandteil des Erholungswertes von Gewässern.
Der Freizeitfischerei (Hobby-Angelfischerei) kommt in deutschen Binnengewässern eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung zu, die in ihrer Dimension häufig unterschätzt wird. Zeugnis dessen ist beispielsweise der volkswirtschaftliche Umsatz der Angelfischerei. Dieser beträgt etwa 5,2 Mrd. € jährlich. Dem gegenüber stehen lediglich 10 Mio. € pro Jahr in der kommerziellen Seen- und Flussfischerei. Angler sind über ihre Vereine oder Verbände nicht nur zur Nutzung von Süßwasserfischbeständen berechtigt, sondern als Eigentümer oder Pächter von Fischereirechten auch zu deren Hege und Pflege verpflichtet.
Eine wichtige Bewirtschaftungspraxis in der Angelfischerei ist der alljährlich durchgeführte Fischbesatz mit heimischen Fischarten. Hiermit ist das einmalige oder wiederholte Einsetzen von Fischen in natürliche Gewässer gemeint. Satzfische sind entweder Wildfische oder Tiere, die in der Fischzucht künstlich vermehrt und aufgezogen wurden. Fischbesatz wird unter anderem durchgeführt, um natürliche Fortpflanzungsengpässe zu kompensieren, das fischereiliche Potential zu erhalten oder zu steigern, sowie Fischarten wieder einzubürgern.
Fischbesatz ist eine ambivalente Bewirtschaftungspraxis. Einerseits sind viele Gewässer von weitgehend irreversiblen anthropogenen Habitatveränderungen betroffen, die das Einbringen von Fischen durch Fischbesatz zur Bestandstützung zu einer nachhaltigen Bewirtschaftungspraxis werden lassen. Andererseits werden mit vielen Besatzmaßnahmen Gene in natürliche Bestände eingetragen, die je nach Herkunft, Qualität und Auswahl des Besatzmaterials das natürliche Adaptationspotential der Wildpopulation durch Hybridisierung von Satz- und Wildfischen nachteilig beeinflussen können. Hinzu kommt, dass jede Besatzmaßnahme das Gefahrenpotential in sich birgt, neue Krankheitserreger oder Parasiten einzuführen. Dies kann eine Reihe ökologischer Auswirkungen nach sich ziehen und hat unter Umständen auch wirtschaftliche Konsequenzen für Fischbesatz-tätigende Angelvereine oder andere Bewirtschafter von Gewässern. Folgerichtig hat das Verbaucherschutz-Ministerium in einem Positionspapier zum Erhalt der Agrobiodiversität der Erforschung und Optimierung des Fischbesatzes eine hohe Bedeutung eingeräumt.
Die Planung und Umsetzung von Fischbesatzmaßnahmen erfolgt hierzulande überwiegend in Eigenregie in Angelvereinen oder -verbänden. Die dort organisierten Angler haben ein hohes Interesse an nachhaltigen und ökonomisch tragfähigen Besatzpraktiken. Sie haben durch immenses politisches Engagement, meist im Ehrenamt, sowie durch im Rahmen der Gewässerhege durchgeführte Fischbesatzmaßnahmen viele Fischarten vor dem Bestandsrückgang als Folge nichtfischereilicher Einflüsse auf die natürliche Vermehrung bewahrt. Ein Mangel an Erkenntnissen zu den Nutzen und Kosten sowie den Erfolgsfaktoren praxisüblicher Fischbesatzmaßnahmen für heimische Arten erschwert aber bis heute eine objektive Bewertung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Erfolg der meisten Fischbesatzmaßnahmen oft nur ungenügend fischereibiologisch evaluiert wurde. Auch weisen Fischereiwissenschaftler in staatlichen Forschungseinrichtungen und viele lokale Angelvereine nur wenige Berührungspunkte auf, so dass wissenschaftliches und außerwissenschaftliches Wissen rund um die Bewirtschaftung von Angelgewässern in der Regel nicht integriert wird. Unsicheres wissenschaftliches Wissen sowie vereinfachende Vorstellungen über die "Risiken und Nebenwirkungen" von Fischbesatzmaßnahmen kann gesellschaftliche Konfliktsituationen schüren. Ausdruck dessen sind die gut dokumentierten Kontroversen zwischen Naturschutz und Fischerei. Beide Akteursgruppen haben zum Beispiel diametral divergierende Gutachten zu den Auswirkungen und zum Nutzen von Fischbesatz in Binnengewässern vorgelegt. Ein Konsens scheint ohne sachliche und objektive Forschung - unter Berücksichtigung lokaler ökologischer, ökonomischer und sozialer Bedingungen - gegenwärtig kaum möglich.
Angelvereine und den darin organisierten Anglern kommt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu. Es gibt einen hohen Bedarf an partnerschaftlichen, praxisorientierten Forschungsarbeiten, in denen Fischereiwissenschaftler und Angelvereine inter- und transdisziplinär im Fischbesatzkontext kooperieren. In Deutschland sind wegen der in den Angelvereinen verorteten Hege- und Pflegepflicht die Rahmenbedingungen für die Entwicklung dieser Partnerschaften ideal, mit dem Ziel, innovative, praxisorientierte Forschungsarbeiten zum kontroversen und häufig emotional überladenen Konfliktfeld Fischbesatz durchzuführen.
Projektziele
Die übergeordnete Ziele des Projekts sind,
Die für alle Mitglieder der Nachwuchsgruppe leitenden spezifischen Ziele des Projekts sind:
Diese Ziele sollen durch ausgewählte Fallstudien an anglerisch bedeutsamen Arten, wie Hecht und Äsche, sowie Modell-gestützte Analysen in einem partnerschaftlichen Projekt zwischen Anglern und Fischereiwissenschaftlern am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erreicht werden.
Projektkoordination
Prof. Dr. Robert Arlinghaus
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Abteilung für Biologie und Ökologie der Fische
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
Tel. +49 (0)30 64181 653
Fax. +49 (0)30 64181 750
E-Mail: arlinghaus(at)igb-berlin.de
Junior-S-Professor für Binnenfischerei-Management
Humboldt-Universität zu Berlin
Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät
Institut für Nutztierwissenschaften
Philippstrasse 13, Haus 7
10115 Berlin
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(URL: http://www.besatz-fisch.de)