Zwischenergebnisse des AB 2 für den Zeitraum 01/2006 - 07/2007


 

Ökologische Wirkungspfadanalyse

Ein erster Arbeitsschwerpunkt des Arbeitsbereichs 2 lag in der Erstellung einer ökologischen Wirkungspfadanalyse für B.t.-Mais. Sie repräsentiert den aktuellen Stand der Wissenschaft in Bezug auf Auswirkungen der landwirtschaftlichen Freisetzung von B.t.-Mais auf die natürliche Umwelt. Diese Analyse gibt allen Projektpartnern Input für die Bearbeitung der jeweiligen Fragestellungen.

1.) Was ist unter einer Wirkungspfadanalyse zu verstehen?

Ein Fremdeintrag in ein bestehendes System löst Wirkungen aus. Betrachtet man einen anthropogen Eintrag in die natürliche Umwelt wie z.B. mit Umweltschadstoffen belastete Böden, Gewässer und Luft, so stellt sich die Frage, wo diese Wirkungen ansetzen. In derart komplexen Systemen bleibt es nicht bei einer einmaligen Wirkung, jede Veränderung löst unvermeidliche Kettenreaktionen aus. Wie dünne Fäden breiten sich Wirkungspfade ausgehend vom Zentrum der Ursache in viele - auch unvorhersehbare - Richtungen aus. Sie variieren in ihrer Verzweigung, Stärke und auch Persistenz, ebenso sind Rückkopplungen möglich. Anhand einer Wirkungspfadanalyse gilt es, diese Variablen zu beleuchten und damit das mit dem Fremdeintrag einhergehende systemische Risiko abzuschätzen.

Die Thematik gentechnisch veränderter Organismen (GVO) in der Landwirtschaft beschäftigt sich mit einem Fremdeintrag in Form von Transgenen. Das Wirkungszentrum bildet die transgene Pflanze auf der Kulturfläche. Von ihr ausgehend beginnt die Analyse.

2.) Aufbau

Um die Wege des Transgens und dessen Effekte auf die Umwelt möglichst vollständig zu erfassen, gibt es verschiedenste Ansätze. Eine Erfassungsmöglichkeit der potentiellen Wirkungen des Anbaus von B.t.-Mais liegt in der Darstellung der Abfolge einzelner Wirkungspfade. Die hier erstellte Analyse baut auf den verschiedenen systemaren Ebenen auf, in welchen die natürliche Umwelt organisiert ist.
Sie betrachtet
die Ebene molekularer und physiologischer Prozesse,
die Ebene des Individuums,
die Ebene der Population,
die Ebene des Ökosystems,
die Ebene der Landschaft und
die regionale Ebene.

Diese hierarchische Betrachtungsweise liefert in übersichtlich strukturierter Form Ansatzpunkte für die Beantwortung der Frage nach den Effekten des Anbaus von B.t.-Mais auf die natürliche Umwelt. Betrachtet man einzelne potentielle Folgen auf die Umwelt, so lassen sie sich meist mehreren Ebenen zuordnen. Auch lassen sich die einzelnen Ebenen nicht 100%ig voneinander trennen, die Zuordnung unterliegt einem Interpretationsspielraum.

3.) Ergebnisse

Im Folgenden werden ebenenspezifisch einige Beispiele für Effekte des Anbaus von B.t.-Mais auf die natürliche Umwelt aufgeführt.

Ebene des Individuums
  • Veränderung individueller Merkmale, z.B. Beobachtung erhöhten Ligningehaltes in B.t.-Mais
Ebene der Population
  • ungewollte Resistenzbildungen z.B. bei Schädlingen sind in Deutschland noch nicht relevant beobachtet; wenn sie auftreten, verbreiten sie sich schnell flächendeckend 
  • ungewollte Vermehrungs- und Ausbreitungsprozesse für Mais liegt der Schwerpunkt in der Pollenverbreitung in Abhängigkeit vor allem von Feldgrössen und -distanzen und den Windverhältnissen
Ebene des Ökosystems
  • Effekte auf Nicht-Zielorganismen 
Beispiele für beobachtete Effekte:
  • Monarchfalter,
Dieses Bild basiert auf dem Bild Monarchfalter aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Armon.
  • Florfliege,

 

Dieses Bild basiert auf dem Bild Florfliege aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Stephen Ausmus.

  • Regenwurm und
  • Springschwanz

4.) Fazit

Eine Flut an Fallstudien beschäftigt sich mit den einzelnen Organisationsebenen. Die Ergebnisse der Laborstudien lassen sich aufgrund ihrer Spezifität nicht unmittelbar in die natürliche Umwelt übertragen. In Kombination mit den Daten der Freilandstudien ergibt sich jedoch ein perspektivisches Gesamtbild:

Der Anbau transgener Kulturpflanzen - in diesem Fall von B.t.-Mais - verursacht auf allen systemaren Organisationsebenen Umwelteffekte. Bewiesen ist die Übertragung des Toxins von der exprimierenden Pflanze unter anderem auf Herbivore und Organismen höherer trophischer Stufen.

Im Zusammenhang des Transgen-Eintrages über den landwirtschaftlichen Anbau kann daher von ausgelösten Veränderungen gesprochen werden. Aktuell kann mehr über die Wirkungen als über ihre Ausmaße ausgesagt werden.

Die Frage, inwieweit sich das Transgen - einmal entlassen - unkontrolliert und unrückholbar ausbreiten wird, beantworten Marvier & Van Acker (2005): Was möglich ist, wird auch passieren. Sie halten die Transgen-Freilassung für irreversibel. Nach ihnen ist eine Eindämmung des Genflusses nicht möglich, vor allem nicht bei selbstreproduzierenen GVOs. Solange B.t.-Mais wie bisher nur in Einzelfällen Winterhärte aufweist, wäre für Deutschland eine Wiederherstellung transgenfreier Bedingungen in der Landwirtschaft wahrscheinlich möglich. Strenge Managementmaßnahmen (z.B. Saatgutaustausch, Reinigung, Entsorgung) und strikte Regelungen wären Voraussetzung. Damit einher ginge ein erheblicher Aufwand zeitlicher, organisatorischer und vor allem auch finanzieller Art. Anders sieht es in Südeuropa oder in Mexiko als Ursprungsgebiet der Pflanze aus, wo Mais länger selbstorganisiert überdauern kann.

Wäre eine Rückholung von transgenem Mais in Mitteleuropa "aufwändig", so könnte man vor diesem Hintergrund bei vielen anderen GVO0s wie z.B. transgenem Raps von "unrealistisch" sprechen. Aussagen zur Problematik invasiver Arten lassen sich hier in Analogie übertragen: Viele Fälle haben trotz vielfältigen Bemühungen und überaus hohen finanziellen Kosten nur geringe Aussicht auf Erfolg (Mack et al. 2000, Myers et al. 2000).

 

Das Modell

Eine weitere Aufgabe des AB2 liegt in der Entwicklung eines regionalen Ausbreitungsmodells für B.t.-Maispollen. Mit dessen Hilfe soll die regionale Transgen-Ausbreitung bei großflächigem landwirtschaftlichem Anbau von B.t.-Mais dargestellt und simuliert werden. Schwerpunkt liegt auf dem im Zusammenhang der Ausbreitungsprozesse für Mais biologisch und ökonomisch entscheidenden Faktor Pollenverbreitung. Bisher existieren nur Modellansätze auf Feldniveau (u.a. Devaux et al. 2005, Klein et al. 2006). Auf der Grundlage dieser und empirischer Untersuchungen (u.a. Halsey et al. 2005, Jemison & Vayda 2001, Ma et al. 2004, Weber et al. 2005) liegt das Ziel dieses Modellansatzes in der großräumigen Abschätzung der Pollenverbreitung. Das Verfahren stützt sich nicht auf Einzelfälle, sondern simuliert einen mittleren zu erwartenden Polleneintrag.

 

Ansprechpartner

Für Rückfragen, Anregungen und Kommentare stehen wir gerne zur Verfügung.
Bitte wenden Sie sich dazu gerne an:
Zentrum für Umweltforschung (UFT) , Abt. 10 (Ökologie), Universität Bremen 

 

Weiterführende Literatur

Anderson, PL., Hellmich, RL., Sears, MK., Sumerford, DV., Lewis, LC. (2004). Effects of Cry1Ab-expressing corn anthers on monarch butterfly larvae. Environmental Entomology 33: 1109-1115.

Bannert, M. (2006). Simulation of transgenic pollen dispersal by use of different grain colour maize. Dissertation Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Nr. 16508.

Bates, SL., Zhao, JZ., Roush, RT., Shelton, AM. (2005). Insect resistance management in GM crops: past, present and future. Nature Biotechnology 23: 57-62.

Brauner, R., Moch, K., Christ, H. (2004). Aufbereitung des Wissenstandes zu Auskreuzungsdistanzen. Öko-Institut e.V. Freiburg.

Breckling, B. (Hrsg.) (2004). GenEERA. Forschungsverbund Generische Erfassungs- und Extrapolationsmethoden der Raps-Ausbreitung (Brassica napus L.). Abschlussbericht im Rahmen des durch das BMBF geförderte Forschungsvorhabens. Förderkennzeichen 0312637A,B,C,D. Universität Bremen

Bruinsma, M., Kowalchuk, GA., van Veen, JA. (2003). Effects of genetically modified plants on microbial communities and processes in soil. Biol Fertil Soils 37: 329-337.

Brunet, Y., Foueillassar, X., Audran, A., Garrigou, D., Dayau, S., Tardieu, L. (2003). Evidence for long-range transport of viable maize pollen. In: Proceedings, The first European Conference on the Co-existence of Genetically Modified Crops with Conventional and Organic Crops. GMCC-03.

Byrne, PF., Fromherz, S. (2003). Can GM and non-GM crops exist? Setting a precedent in Boulder Conty, Colorado, USA. Food, Agriculture & Environment. 1: 258-261.

Devos, Y., Reheul, D., De Schrijver, A. (2005). The co-existence between transgenic and non-transgenic maize in the European Union: a focus on pollen flow and cross-fertilization. Eviron. Biosafety Res. 4: 71-87.

Dolezel, M., Heissenberger, A., Gaugitsch, H. (2005). Ökologische Effekte von gentechnisch verändertem Mais mit Insektizidresistenz und/oder Herbizidresistenz. Umweltbundesamt Wien.

Dutton, A., Obrist, L., Alessandro, D., Diener, L., Müller, M., Romeis, J., Bigler, F. (2004). Tracing Bt-toxin in transgenic maize to assess the risks on non-target arthropods. IOBC/WPRS Working Group "GMOs in Integrated Production" 27: 57-63.

Eastham, K., Sweet, J. (2002). Genetically modified organisms (GMOs): The significance of gene flow through pollen transfer. European Environment Agency. Environmental issue report No 28.

Eckert, J., Gathmann, A., Schuphan, I. (2004). Auswirkungen des Anbaus von Bt-Mais auf Nichtzielorganismen: Thripse und ihre Gegenspieler. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie 14: 439-442.

Emberlin, J., Adams-Groom, B., Tidmarsh, J. (1999). A report on the dispersal of maize pollen. Soil Association, http://www.mindfully.org/GE/Dispersal-Maize-Pollen.UK.htm.

Felke, M., Langenbruch, G-A. (2005). Auswirkungen des Pollens von transgenem Bt-Mais auf ausgewählte Schmettelingslarven. Bfn-Skipten 157.

Freier, B., Schorling, M., Traugott, M., Juen, A., Volkmar, C. (2004). Results of a 4-year plant survey and pitfall trapping in Bt maize and conventional maize fields regarding the occurrence of selected arthropoda taxa. IOBC/WPRS Working Group "Gms in Integrated Production" 27: 79-84.

GM Science Review Panel (2003). An open review of the science relevant to GM corps and food based on interests and concerns of the public.

Halsey, ME., Remund, KM., Davis, CA., Qualls, M., Eppard, PJ., Berberich, SA. (2005). Isolation of maize from pollen-mediated gene flow by time and distance. Crop Science Society of America. 45: 2172-2185.

Henry, C., Morgan, D., Weekes, R., Daniels, R., Boffey, C. (2003) Farm scale evaluations of GM crops: monitoring gene flow from GM crops to non-GM equivalent crops in the vicinity. Part I: Forage Maize. Final Report (contract reference EPG 1/5/138). Final report: http://www.defra.gov.uk/science/project_data/DocumentLibrary/CB02005/CB02005_2739_FRP.pdf

Hofmann, F., Schlechtriemen, U., Wosniok, W., Foth, M. (2005). GVO-Pollenmonitoring - Technische und biologische Pollenakkumulatoren und PCR-Screening für ein Monitoring von gentechnisch veränderten Organismen. BfN-Skripte, 139.

Jemison, JM Jr.,Vayda, ME. (2001). Cross pollination from genetically engineered corn: wind transport and seed source. AgBioForum. 4: 87-92.

Lang, A., Vojtech, E. (2006). The effects of pollen consumption of transgenic Bt maize on the common swallowtail, Papilio machaon L. (Lepidoptera, Papilionidae). Basic and Applied Ecology 7: 296-306.

Ludy, C., Lang, A. (2006). Bt maize pollen exposure and impact on the garden spider, Araneus diadematus. Entomologia Experimentalis et Applicata 118: 145-156.

Luna, S., Figueroa, J., Baltazar, MB., Gomez, MR., Townsend, LR., Schoper, JB. (2001). Maize pollen longevity and distance isolation requirements for effective pollen control. Crop Science Society of America. 41: 1551-1557.

Ma, BL., Subedi, KD., Reid, LM. (2004). Crop ecology, management & quality. Extent of cross-fertilization in maize by pollen from neighboring transgenic hybrids. Crop Science Society of America. 44: 1273-1282

Mack, RN., Simberloff, D., Lonsdale, WM., Evans, H., Clout, M., Bazzaz, FA. (2000). Biotic invasions: Causes, epidemiology, global consequences, and control. Ecological Applications 10: 689-71.

Marquard, E., Durka, W. (2005). Auswirkungen des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen auf Umwelt und Gesundheit: Potentielle Schäden und Monitoring. UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle.

Marvier, M., Van Acker, RC. (2005). Can crops transgenes be kept on a leash? Front Ecol. Environ. 3: 99-106.

Myers, JH., Simberloff, D.,  Kuris, AM., Carey, JR. (2000). Eradication revisited: Dealing with exotic species. Trends in Ecology and Evolution 15: 316-320.

Vercesi, ML., Krogh, PH., Holmstrup, M. (2006). Can Bacillus thuriengiensis (Bt) corn residues and Bt-corn plants affect life-history traits in the earthworm Aporrectodea caliginosa? Applied Soil Ecology 32: 180-187.

Weber, WE., Bringezu, T., Broer, I., Holz, F., Eder, J. (2005). Koexistenz von gentechnisch verändertem und konventionellem Mais. mais - Die Fachzeitschrift für den Maisanbauer. Sonderdruck 1+2/2005.

Züghart, W., Breckling, B. (2003). Konzeptionelle Entwicklung eines Monitoring von Umweltwirkungen transgener Kulturpflanzen Teil 1 und 2. unter Mitarbeit von Mißkampf, R., Hildebrandt, J., Schönthaler, K., Balla, S., Brauner, R., Vogel, B., Tappeser, B., Wicke, G., Harms, C., Verhoeven. R.; Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Forschungsbericht 299 89 406 UBA-FB 000500/1: Umweltbundesamt, Berlin, UBA Texte 50/03, ISSN 0722-186X.